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TESSIN. 02
KANTONSTAG Expo.02

Biel, 28. September 2002

Ansprache der Tessiner Regierungsratspräsidentin Patrizia Pesenti


Sehr geehrter Herr Präsident der Expo 02,
sehr geehrte Frau Direktorin,
sehr geehrter Herr Stadtpräsident,
meine Damen und Herren aus den Eidgenössischen Räten,
liebe Kollegin, liebe Kollegen des Regierungsrats;

im Namen des Kantons Tessin begrüsse ich alle Teilnehmer dieses Tessiner Kantonstags an der Expo. 02. Unser Kanton hat beschlossen, sich hier in Biel mit dem Stichwort des «Platzes» vorzustellen, «Platz» verstanden als Ort der Begegnung. Ein solcher Platz nimmt heute Gestalt an, hier auf dieser grossen Bühne der Bieler Arteplage.

Das Tessin beginnt auf dem Gotthard und endet am Zoll von Chiasso. Es ist das letzte Stück Schweiz, Übergangs- und Trennzone zwischen den politisch zugehörigen eidgenössischen Kantonen und den kulturell und mentalitätsmässig zugehörigen Regionen der benachbarten italienischen Republik.

Für viele ist das Tessin ein Landstrich, der eine einfache Durchgangszone darstellt, eine Strassenverbindung, die unter ausschliesslicher Konzentration auf das immer näher herangewünschte Ziel benutzt und durchfahren wird.
Diese Vorstellung, diese Sicht der Dinge ist aber abwegig, zeugt von Hast und mangelndem Interesse. Das Tessin ist nicht hierauf reduzierbar, es hat noch ganz andere Seiten. Das wissen all jene, Schweizer und Ausländer, mit Bestimmtheit, die bei uns etwas suchen, was über erste Eindrücke und oberflächliche Kontakte hinausgeht.

Und diesem Etwas kann man an vielen Orten und auf vielerlei Arten begegnen: man kann es an Sommerabenden auf der Piazza Grande in Locarno entdecken, wenn man sich einnehmen lässt von der Faszination der Bilder, die sich auf der Leinwand bewegen und mit den Lichtern und den Farben eines Himmels rivalisieren, der schon vom Meer weiss; oder man kann es in den Klängen und den faszinerenden Tönen erahnen, die die Piazza Riforma in Lugano beleben, während den Konzerten des Estival Jazz; man kann es schliesslich in den bunten Farben und der überschwenglichen Fröhlichkeit der Piazza Collegiata in Bellinzona erfühlen, wenn diese von der ungebremsten Lebenslust des Karnevals friedlich besetzt wird.

Plätze, die zu Orten verbindender Momente der Freude werden, zu Orten von Aufführungen, Events, Demonstrationen. Zu Orten aber auch von Erwartungen, Hoffnungen, Forderungen: mit Umzügen und Reden, die den gemeinsamen Wunsch nach einem besseren Leben artikulieren, ein Wunsch, der in diesen umgrenzten Räumen stärker und nachhaltiger zu werden scheint.

Der Platz lebt aber auch von weniger starken Gefühlen, von alltäglichen Begegnungen, Augenblicken des Innehaltens oder Ausruhens, vom immer wieder sich ausbreitenden Markt oder andern Aktivitäten, die den Passanten anlocken, ihn dazu verleiten, seine Hektik und Rastlosigkeit in der Ruhe eines etwas weiteren Horizontes zu mässigen.

Manchmal können Plätze auch noch etwas anderes sein, können zu historischen Stätten werden, die uns daran erinnern, dass wir nicht nur Kinder der Gegenwart sind, sondern das Erbe vergangener Ereignisse, vergangenen Lebens ins uns tragen. Diese treten uns plötzlich aus vergessenen oder nicht mehr verstandenen Namen entgegen: wie die Piazza del grano, der Kornplatz oder die Piazza della legna, der Holzplatz in Lugano, die vor ihrem Namenswechsel die übriggebliebenen Zeugen von heute anderswo abgewickelten Tätigkeiten waren. Oder die Piazza Riforma in derselben Stadt, die uns immer noch an die wichtigen Verfassungsänderungen aus dem Jahre 1830 erinnert.

Es gibt aber nicht nur die städtischen Räume, die Räume der städtischen Agglomerationen, wo der Dienstleistungssektor alles beherrscht. Es gibt auch abgelegenere, diskretere Räume.

Wenn man von Locarno aus in die Vallemaggia hineinfährt, erreicht man nach etwas mehr als einer halben Autostunde Cavergno, das Dorf von Plinio Martini, jenem Tessiner-Schriftsteller, der «Il fondo del sacco» («Nicht Anfang und nicht Ende») geschrieben hat, sicher eine der tiefgreifendsten und feinfühligsten Beschreibungen der Tessiner Gesellschaft vergangener Jahrhunderte.

Von Cavergno aus kommt man leicht auf die Strasse, die in die Val Bavona führt, einem von fast poetischen Orts- und Flurnamen übersäten Seitental: Fontanellata, Roseto, Faedo, Sonlerto. Wenn man durch die Gassen dieses hintersten Dorfes geht, kommt man schnell auf den kleinen Platz, wenige von den Mauern der alten Häuser umschlossene Quadratmeter. Hier fühlt man, in der majestätischen Ruhe der das Dorf überragenden Berge, zwischen den Steinen und Felsen aus rauhem Granit, die Atmosphäre einer uralten Menschlichkeit.

Hier bekommt man sofort ein Gefühl für eine Geselligkeit und eine Solidarität, die das Leben der Bewohner dieses Ortes prägten. Hier versteht man sofort, dass die Oberflächlichkeit einer flüchtigen schnellen Begegnung nicht genügen kann, dass der gleichgültige Egoismus, der unser Leben allzu häufig auszeichnet, nicht überhand nehmen darf. Hier zeigt sich die Bedeutung der Fähigkeit, innehalten zu können, die stete Eile, die unsere täglichen Lebensabläufe prägt, unterbrechen zu können. Um Zeit und Raum für sich und für den Andern zu finden.

Das ist die grosse Lektion des Platzes, der uns den Wert des Zusammenlebens, der Nähe lehrt, der von der Notwendigkeit spricht, sich zu öffnen, aufeinander einzugehen, sich zu verstehen, einander zu helfen.

Es ist derselbe Geist, der unsere Ahnen vor mittlerweile mehr als 700 Jahren beseelte und der auch heute noch den aufmerksamsten und einfühlsamsten Seelen eigen ist, aber auch diesen Orten, diesen Räumen, diesen unseren Plätzen. Einfache und zugleich wundersame Gelegenheiten, gelassener und bewusster zu leben, unser gemeinsames Leben auf menschlichere und bewusstere Art zu anzugehen. 

Patrizia Pesenti
Präsidentin des Staatsrates